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Golgatha (12) - Es kam eine Finsternis


18. Die Finsternis


Es wird Mittag. Die Sonne steht hoch am Himmel. Hinter dem Heiland liegen bereits furchtbare Stunden. Die ganze letzte Nacht hatte Er nicht geschlafen. Bis in die frühen Morgenstunden ist Er von Verhör zu Verhör geschleppt worden, bis man Ihn morgens um 9 Uhr, nach einem ungerechtem Urteil ans Kreuz geschlagen hat. Hier hängt Er bereits drei Stunden. Grausame, körperliche Qualen, Lästerungen von den Menschen die Ihn hassten, seelische Leiden – alles das hat Er bereits in einzigartiger Weise ertragen. Das Schrecklichste steht Ihm noch bevor. Gott, Sein Gott würde sich gegen Ihn richten!


Plötzlich wird es dunkel. Mitten am Tag. Es wird so dunkel, dass Lukas schreibt, dass sogar die Mittagssonne verfinstert wird. Nichts ist mehr zu sehen. Stockfinster. Was haben wohl die Menschen gedacht, die hier am Kreuz stehen. Oder die Priester in Jerusalem, die dabei waren, das Passah zu schlachten. All die angereisten Juden, Pilatus, seine römischen Soldaten und die vielen Menschen in den Ländern dieser Welt. Das war kein örtlich begrenztes Phänomen. Gott hüllt die gesamte Welt in Dunkelheit. Verborgen vor den Augen der Menschen richtet Er Seinen Sohn!


Drei Stunden lang bleibt es so dunkel. Drei lange Stunden leidet der Herr am Kreuz im Gericht Gottes! Was das für Ihn, den immer treuen und gehorsamen Diener Gottes bedeutet, ist nicht zu beschreiben. Gethsemane ist der Ort, der ein wenig den Schleier lüftet. Hier ist der Heiland mit diesen drei furchtbaren Stunden beschäftigt. Bestürzung und Angst erfüllt Seine Seele. Er ist betrübt bis zum Tod (Mk.14). Er, der nie in Unruhe war, fällt auf Sein Gesicht und betet. Er ringt und kämpft. Immer heftiger. Sein Schweiß tropft auf die Erde. Groß, wie Blutstropfen (Lk.22).


Er tat immer, was der Vater wollte. Es war Ihm Seine Speise, Sein Lebensinhalt, Seine Freude (Joh.4,34)! Doch jetzt, hier in Gethsemane, bittet Er darum, dass diese Leiden, wenn möglich, an Ihm vorbeigehen. Diese drei Stunden am Kreuz stehen in grausamer Weise vor Seiner Seele. Und doch sagt Er diesen unglaublichen Satz: „doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (Lk.22,42). Anbetungswürdiger Heiland!


Jetzt war dieser Zeitpunkt gekommen. Der Heiland leidet im Gericht Gottes für die Sünden der Menschen. Mehr noch – Gott macht Ihn zur Sünde. Den, der nie gesündigt hat, in dem keine Sünde war, der Sünde nicht mal kannte – zur Sünde gemacht! Und dann bestraft Gott Ihn für diese Sünde. Der ganze Grimm und Zorn Gottes ergießt sich über Ihn. „Grimm ist grausam und Zorn eine überströmende Flut“, schreibt Salomo in den Sprüchen. „Es ist furchtbar in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“, der Hebräerbrief. Der Heiland selbst drückt es in Psalm 88 aus: „Auf mir liegt schwer dein Grimm […] Deine Zorngluten sind über mich dahingegangen, deine Schrecknisse haben mich vernichtet.“ Was für heftige Worte: Grimm, Zorngluten, Schrecknisse, Vernichtung…


Weit entfernt stehe ich. Auch wenn ich gelernt habe, was dort geschehen ist, bleibt diese Szene für mich dunkel, undurchdringlich. Unmöglich für einen Menschen, wirklich zu begreifen, was dort geschehen ist. Unmöglich, nachzuempfinden, was der Heiland dort empfunden hat. Und dann denke ich an diesen Vers aus Jesaja 53: „um unserer Ungerechtigkeiten Willen war er zerschlagen.Zerschlagen! Meinetwegen! Meinetwegen hat Er diese drei Stunden auf sich genommen und ertragen. Das, was so unfassbar grausam und furchtbar für Ihn war, durchlebte Er – und dachte dabei an mich! Diese Szene ist nichts für den Kopf – sie ist ausschließlich für das Herz…


Die tiefsten Tiefen aller Leiden
erreichten Deine Seele dort.
Gleich Wogen, welche überfluten,
traf Dich der Zorn am finstrem Ort.

Tag unergründlich tiefen Schmerzes!
O Tag voll Leid und größter Not,
da Du, Herr, wardst von Gott verlassen,
gingst für mich Sünder in den Tod!

Herr Jesus, Deine große Liebe
rührt tief mein Herz aufs neue an.
Für mich hast Du Dich hingegeben –
Anbetung Dir, Du Schmerzensmann!

Text: Martha Schweizer-Lutz (*1900 †1985) | Egbert Brockhaus

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